Nach dem Ende der Geschichte

Nach dem Ende der Geschichte

(Gabriel)

Nach dem Ende der Geschichte I 

Nach dem Ende der Geschichte beginnt eine neue Geschichte. Oder die alte Geschichte beginnt, unter anderen Vorzeichen von Neuem, Plus und Minus ausgetauscht. Die alte Geschichte erscheint im Deckmantel einer neuen Ordnung. Die Geschichten unserer Mütter und Väter schreiben sich in die neue Geschichte ein, die, scheinbar ohne unser Zutun, voranschreitet, uns einbezieht und außen vor lässt. Unsere Kinder werden vielleicht verstehen, welche Rolle wir spielen. Sie werden uns sagen, was wir falsch gemacht haben und was man besser hätte machen können.

Hier Wasser keine Lyrik

In den 80er Jahren entwickelte sich im Arbeiterbezirk Prenzlauer Berg (Ost-Berlin) eine lebendige Kunstszene: Dichter, Künstler, Intellektuelle suchten nach Formen stillen Widerstands. Kritische Gedanken konnten sie nur verschlüsselt ausdrücken. Vorgegeben waren Ästhetik und Inhalt. Der Underground des Prenzlauer Bergs war durchsetzt von den Spitzeln der Stasi. Offiziell daher behaupten: Keine (vom Staat unabhängige) Lyrik.

Zeitreisende leben von der Hand in den Mund

 Christian Discher beschreibt in seinem Buch „Die Stimmen der Übriggebliebenen“ (2015) seine traumatischen Erlebnisse in der Psychiatrie in Ueckermünde, in die er als 17-Jähriger infolge einer Identitätskrise eingeliefert wird. In den 90er Jahren muss der junge Mann in der Bundesrepublik Deutschland, einem demokratischen Rechtsstaat, medikamentöse Zwangsbehandlungen und fragwürdige Therapien über sich ergehen lassen. Wunden entstehen, die beim Blicken in die Vergangenheit, immer wieder aufreißen. Meine Collage verwendet einen Ausschnitt des Buchcovers.

Höhepunkte 

Während Westdeutschland als ein Konsumparadies zu begreifen ist, waren verschiedene Waren in Ostdeutschland nur rationiert und nicht durchgehend zu bekommen. Obst aus exotischen Ländern, heute in jedem Supermarkt verfügbar, wurde zu einem Symbol für westlichen Luxus und das Begehren der Ostdeutschen schlechthin. Die kleine Aljona lässt sich sehend von der Schlange verführen.

Zuckerwatte Propaganda 

In den 90er Jahren war billig produzierte, englischsprachige Popmusik in den Charts sehr populär. Gruppen wie die Backstreet Boys oder die Spice Girls feierten große Erfolge. Während sie sich in ihren Texten den Themen von Jugendlichen widmeten, schickte der deutsche Bundeskanzler Gerhard Schröder 1999 zum ersten Mal seit dem Zweiten Weltkrieg deutsche Soldaten in den Kampfeinsatz: Die Bundeswehr beteiligt sich mit Kampfflugzeugen an der NATO-Operation „Allied Forces“ im Kosovo-Krieg.

Звёздные Nächte

In den 90er Jahren wird Berlin zur Hauptstadt der elektronischen Musik. Die Diskokugel ersetzt den Sternenhimmel. Partydrogen und Alkohol werden konsumiert. Die jungen Menschen, die aus aller Welt nach Berlin reisen, geben sich ganz ihrem Hedonismus hin.

Hohlraum zwischen den Zähnen

 Die Träume vieler Ostdeutscher erfüllten sich in der direkten Wendezeit (noch) nicht. Betriebe wurden geschlossen, Menschen verloren ihre Arbeit. Viele zogen weg.

Lesbe, Junkie und Mistvieh

 Die Kunstwissenschaftlerin Olga Zuk reiste seit den 80er Jahren regelmäßig nach Berlin und siedelte in den 90er Jahren schließlich von St. Petersburg nach Berlin über. In ihrem autobiografisch eingefärbten Roma. „Das strenge Mädchen“ führt uns an die verschiedendsten Orte: von Drogenküchen in Leningrad über besetzte Häuser in Berlin in die Wohnzimmer feministischer Aktivistinnen.

Muh!

 In Ostdeutschland wird die Umwelt in großem Stil verschmutzt. Städte wie Bitterfeld oder Eisenhüttenstadt werden zum Synonym für die rücksichtslose Ausbeutung unserer Umwelt. Während hier Umweltschutz tabuisiert wird, entwickeln Menschen in Westdeutschland ein zunehmendes Bewusstsein für die Umwelt: 1983 zieht mit den Grünen zum ersten Mal seit 1957 eine vierte Partei in den Deutschen Bundestag ein. Diese Entwicklung verstärkt sich durch die Havarie in Tschernobyl 1986 und die Rinderseuche der 80er/90er Jahre.

ו’ה‘ / Und es war…

 In den Wendejahren kommt es in der Sowjetunion wieder verstärkt zu antisemitischen Übergriffen. Zehntausende Menschen aus der verfallenden Sowjetunion reisen als sogenannte Kontingentflüchtlinge in die BRD ein. Die Collage zeigt den Ausschnitt eines Textes von Isaac Babel, der ein Pogrom in Odessa Anfang des 20. Jahrhunderts beschreibt.

Herrengasse

Symbol für die Überwachung von Menschen in Ostdeutschland ist das Stasigefängnis in Berlin-Hohenschönhausen, das auf dieser Collage abgebildet ist. Menschen konnten nicht frei kritische Meinungen äußern, ohne Strafen zu riskieren. Die Staatssicherheit der DDR hatte überall ihre Mitarbeiter, weshalb die Institution auch „Horch und Guck“ genannt wurde.

Nach dem Ende der Geschichte II 

Nach dem Ende der Geschichte beginnt eine neue Geschichte. Oder…

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